helfen

Letztens meinte jemand: „Ich finde das toll, wie du den Leuten hilfst.“. Ich weiß, das ist als Kompliment zu verstehen, aber trotzdem sträubt sich etwas in mir dabei. Helfen ist – wie so vieles im Leben – ein zweischneidiges Schwert, ich verstehe gar nicht, warum das immer nur positiv bewertet wird.

Ich sehe meine Arbeit eher als Unterstützung an, Hilfe zur Selbsthilfe, aber der Ratsuchende bleibt sein eigener Mensch. Viele mögen das, manche aber auch nicht, sie suchen eher eine Art Ersatzmutter, doch ich bin weit entfernt davon diesen Helferkomplex zu haben. Die Sucht gebraucht zu werden ist etwas sehr ungesundes, das auch Ratsuchenden nicht gut tut, denn sie sollen dann ja nicht wirklich flügge werden. Ohne jemanden der innerlich „klein“ ist, kann sich ein lob-abhängiger Helfer nicht größer fühlen.

Da geht es nämlich vor allem um das Thema Abhängigkeit und erlernte Hilflosigkeit, wir hatten das gerade erst hier im Blog.

Wir Mädels müssen bei solchen Themen doppelt genau hinschauen, denn es steckt natürlich immer einen Machtfaktor unter dem Hilfs-Zuckerguss. „Hilfreiche“ Verwandte oder Bekannte, die damit bei genauem Hinsehen nichts anderes als emotional übergriffig sind, kennt fast jeder. Aber ich bin der Meinung: immer erstmal an die eigene Nase packen und vor der eigenen Tür kehren. Wenn jeder vor der eigenen Tür kehrt, ist es überall sauber! Neinsagen üben und lernen, Grenzen aufzeigen, auch das ist wichtig. Man kann von früh bis spät über die Eigentümlichkeiten anderer meckern, aber damit verändert man nichts und hat auch noch die schöne Zeit verschenkt.

Es geht aber noch um etwas viel wichtigeres: wenn jemandem immer geholfen wird, kann er/sie nie sagen: Das habe ich geschafft! Zu viel Hilfe kann das Selbstvertrauen und den Biss im Leben gründlich untergraben, man traut sich dann irgendwann gar nichts mehr selbst zu, ohne Frau, Mann, Freundin, Beraterin usw.. Man kann Menschen auch schwach- und kaputthelfen, ihre eigene Kraft mit „Hilfe“ untergraben.

Natürlich ist es schön, wenn man weiß: da gibt´s Leute, die ich fragen kann, wenn bei mir die Hütte brennt, aber abhängig sollte es eben nicht sein. Man ist und bleibt sein eigener Mensch.

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8 Gedanken zu „helfen

  1. Hilfe und helfen sind für mich grundsätzlich erstmal durchweg positiv belegte Wörter. Allerdings gibt es natürlich diese spezielle Spezies, die sich gern mit (sog.) „Hilfe“ unter dem Mäntelchen der Scheinheiligkeit tarnt. Diese Leute mischen sich grundsätzlich ungefragt in Dinge ein, die sie absolut nichts angehen. Oder auch schön: Sie drängen sich erst auf, nehmen Dir (ebenfalls unaufgefordert) einfach alles aus der Hand und erzählen im Nachhinein dann auch noch herum dass sie dies und jenes für Dich gemacht hätten, weil Du es ja ansonsten nicht selber schaffen würdest… (übel). Da meine Schwiegermutter genau von der Sorte ist und eine Nachbarin auch, die massiv in die Privatsphäre ihrer Mitmenschen eindringen, damit sie sich mit ihrem eigenen Leben nicht auseinander setzen müssen, reagiere ich auf sowas extrem allergisch…

  2. Vielleicht muss man das noch genauer definieren, fällt mir gerade auf. Es gibt natürlich auch gute Hilfe (im Sinne von: ich stütze dich ein Stück des Weges, bis du selbst wieder laufen kannst / ich mache das für dich, weil es uns beiden Freude macht usw.). Das ist eine super Sache und es wäre schlimm, wenn jeder nur noch als Einzelkämpfer leben müsste.

    Und dann gibt es diese schlechte Hilfe, die andere klein halten und einen selbst größer machen soll. Das hat dann schon eher etwas von: ich ziehe dir ein Bein weg, damit ich deinen Weg mitbestimmen kann.

    Daher ist es auch so ein „Frauenthema“: nur wenige Frauen sagen Sachen direkt, da wird eher hintenrum gearbeitet und man hat vordergründig eine blütenweiße Weste, denn man „meint es ja nur gut“. Wir wären wirklich weiter, wenn wir endlich mal aufhören würden, uns um äußerlich weiße Westen zu scheren, deren Innenseite dann alles andere als strahlend ist.

    Wo Männer einfach mal wuff sagen oder mit der Gabe des irgnorierenden Schweigens gesegnet sind (da kann man wirklich von ihnen lernen und es funktioniert! ;)), laufen bei manchen Frauen hintergründig die Rädchen heiß, um irgendwie die Zügel anderer Leute in die Finger zu bekommen.

    Es ist sehr wichtig das wahrzunehmen und es sich bewusst zu machen, damit wir das Muster nicht weiterspinnen. Denn wirklich glücklich wird niemand mit diesem kleinen Zipfel Macht, wer anderen das Leben zur Hölle macht, trägt sie bereits in sich.

  3. Bin auch immer wieder erstaunt wie wenig manche Menschen bemerken, daß ihre Hilfe weder gebraucht und notwendig noch erwünscht ist. Oder auch das ignorante Überschreiten von Intim- und Privatspähre …
    Gerade bei politisch forcierter „Hilfe“ kann man oft sehr schön sehen, daß es eigentlich um Macht und verdeckte Eigeninteressen geht.

  4. @ Amira: Oh ja! Und nicht nur das. Seit ich mich tiefergehend mit Entwicklungshilfe befasst habe, sehe ich vieles in einem ganz anderen Licht und kann die Einschätzung, dass Spenden immer etwas Gutes ist, nicht mehr teilen. Denn vor Ort sieht es manchmal ganz anders aus, was selten erwähnt wird. Das geht manchmal so weit, dass die Hilfsorganisationen an Chiefs oder Rebellenführer Geld zahlen müssen, um den Leuten vor Ort helfen zu dürfen. Und was die davon kaufen, kann man sich leicht ausmalen. Wenn man Pech hat, bezahlt man mit seiner Spende neue Waffen für Kriegstreiber und nicht Nahrung oder medizinische Hilfe.

    Aber auch da sieht man (viele der Probleme hängen noch direkt mit dem Kolonialismus und dessen Folgen zusammen) wieder, dass sich eine Seite zum starken „Helfer“ aufschwingt und die Leute vor Ort entmündigt und zu Almosenempfängern erklärt werden, deren örtliche Handelsstrukturen von den Hilfslieferungen völlig zerschlagen werden. Vieles wird mittlerweile anders und besser versucht, das muss man dazu sagen, aber auch an diesem Beispiel sieht man wieder: echte Hilfe funktioniert nur auf Augenhöhe, sobald es von oben herab passiert, ist es keine Hilfe mehr, sondern Bevormundung oder sogar das Durchsetzen eigener Interessen.

  5. Eine meiner, zugeben vielleicht sehr naiven, Interpretationen des „Hexe sein“ ist es anderen Menschen zu helfen. Und diese Form zu helfen – Hilfe zur Selbsthilfe, wie du es schreibst – ist doch eine sehr positive Form der Hilfe. War es nicht immer schon die Hexe oder die weise Frau zu der man ging, wenn man sich selber nicht mehr weiterhelfen kann oder einen Rat sucht? Und wenn es sich um eine wirklich weise Frau handelt, dann wird sie nur in dem Rahmen helfen und anleiten, wie es dem Anderen gut tut. Und genau in diesem Kontext würde ich dein eingangs erwähntes Kompliment sehen. Alles andere, was du als „schlechte“ Hilfe beschreibst ist meiner Meinung nach keine Hilfe, sondern ein ganz klarer Machtmissbrauch. Jemanden ungefragt, unaufgefordert seine Hilfe aufzudrängen grenzt in der Tat an Bevormundung. Andererseits sehe ich es nicht immer als Zeichen der (weiblichen) Schwäche an, wenn man um Hilfe bittet. Das kann durchaus auch ein Zeichen von Stärke sein: zugeben etwas nicht zu können und aktiv um Hilfe zu bitten. Männer haben da manchmal noch Nachholbedarf 😉

  6. @ Branwensfeather: Ja, das ist ganz eigentümlich, dass viele „Hexe sein“ mit helfen gleichsetzen. Es ist ein spiritueller Weg an sich. Zuerst kommen die spirituellen Verbündeten. Der „service“ (wie es im Englischen so schön heißt ;)) ihnen gegenüber und die gegenseitige Verbindung ist das Entscheidende.

    Ich denke, dass die Betonung des Helfens noch immer eine Art Schutz ist. Der Begriff Hexe oder generell das Spirituelle wird in unserer Gesellschaft oft eher kritisch bis ungläubig betrachtet (zumindest offiziell, denn die lautesten Kritiker sind die Ersten, die unbedingt magische Hilfe wollen, wenn´s mal nicht so läuft).

    Wenn die Betonung sehr stark dahin geht, dass man anderen hilft, hat das ein bißchen was von: „Wir sind doch total lieb, wir tun gar nichts Böses!“. Das ist manchmal wie eine vorsorgliche Rechtfertigungshaltung und das ist der Punkt, der mir daran nicht gefällt. Wir haben es nicht nötig uns zu rechtfertigen oder nett nützlich zu machen, damit die anderen etwas Gutes von uns denken. Sollen sie sich doch die Mühe machen, mehr zu lernen über diesen Weg, wenn sie ihn verstehen wollen.

    Natürlich trifft man sich im echten Leben meist in der Mitte, das sind theoretische Gedanken, aber es ist wichtig, dass man sich das klar macht, da gerade Frauen gerne in der Nützlichkeitsfalle landen und leicht den eigenen Weg aus den Augen verlieren, während sie damit beschäftigt sind, die Bedürfnisse anderer erfüllen.

  7. Was das Thema Helfen angeht, bin ich auch etwas zwiegespalten. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht und oftmals wäre man ohne Hilfe wirklich besser dran (gerade im Esobereich – ungefragt eine Ladung Licht und Liebe bekommen will ich nicht, aber manch einer meint trotzdem, das machen zu müssen, wenn man nur mal kurz über Bauchweh klagt). Und so manch einer hilft auch nur, damit du dann in seiner Schuld stehst …

    Andererseits gibt es auch Helfende, die ich sehr bewundere – zum Beispiel ehrenamtliche MitarbeiterInnen beim Frauennotruf oder in Tierrettungsstationen. Denen wird oft nichts gedankt, aber darauf kommt es auch nicht an, sondern eher auf die Menschen- und Tierliebe, die dahinter steht.

    LG
    Liath

  8. Ah, das ist mal wieder eines „meiner“ Themen – und zwar von beiden Seiten. Ich kenne es, wenn Leute mir „helfen“ wollen, weil sie einfach nicht begreifen, daß ich etwas völlig anderes will als sie meinen. Oder weil sie meine Meinung einfach übergehen, denn das könne ja nicht mein Ernst sein – und jetzt wird mir mal zu dem verholfen, was ich zu wollen habe. Furchtbar sowas, zum Einen, weil man sich dauernd gegen Dinge wehren muß, die man gar nicht haben will (angefangen bei einer lieben Mama, die einem dauernd Klamotten schenkt, die man nie tragen wird bis zu Leuten, die glauben, einen zu einem Job verhelfen zu müssen, den man selbst unerträglich findet) und zum Anderen, weil es immer unterschwellig so einen üblen Beigeschmack von Lebensuntüchtigkeit und Du-bis-mir-was-schuldig trägt. Und ich verabscheue Abhängigkeiten.
    Andererseits kenne ich es auch an mir selbst, jemanden „retten“ zu wollen, der gar nicht gerettet werden will oder jemandem etwas abnehmen zu wollen, was der aber lieber selbst trägt, sowohl im direkten als auch im übertragenen Sinne. Von daher kann ich Dir nur zustimmen: Es ist ein Thema, bei dem Meckern über die anderen alleine es nicht besser macht. (Naja, bei welchem Thema macht es das schon.) Wir müssen uns auch immer wieder selbst genau ansehen.

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