Der Glücksterror

Bald schon werden wir uns wundern, was das für ein großer, gelber Ball am Himmel ist! 🙂

Bis wir euphorisch ins Grüne strömen bleibt noch etwas Zeit zum Philosophieren. In letzter Zeit stolpere ich immer wieder über das, was ich als Glücksterror bezeichne. Nichts gegen das Glück an sich, aber viele Menschen haben durch diesen wahnsinnigen Glücksanspruch gleich ein schlechtes Gewissen, wenn es ihnen mal schlecht geht, wenn´s mal nicht so läuft oder es Probleme gibt. Ja, schnöde Probleme, keine pseudo-dynamischen „Herausforderungen“.

Hatten es unsere Vorfahren noch gut! Da hatte man mal Pech, aber das erwischt eben jeden mal, das war normal und kein Grund sich in den Staub zu treten. Heute gibt es diesen Anspruch: du gestaltest dein Leben, also bist du auch für jeden Makel verantwortlich. Was für eine kolossale Selbstüberforderung.

Niemand lebt im luftleeren Raum, es gibt die verschiedensten Prägungen, Einflüsse und Rahmenbedingungen, an denen man nicht immer (gleich) etwas ändern kann und es gibt auch so etwas wie das Schicksal. Ich weiß, das sage ausgerechnet ich, die immer gegen die Schicksalsgläubigkeit wettert, aber es ist eben nicht so, dass wir unser Leben völlig frei zusammensetzen können, als würden wir mit Bauklötzchen spielen: hier noch einen Blauen, da noch einen Gelben – so einfach ist es nunmal nicht, es gibt kein Setzkastenleben.

Wenn man mal überlegt: oft kommt der Wandel erst, wenn man akzeptiert, dass etwas nicht so pralle ist, wenn man es sich eingesteht und keine Glücksoße darüber kippt, sondern es einfach mal so stehen lässt, wie es ist, ohne sich deshalb in den Staub zu werfen. So isses jetzt halt, wir kochen alle nur mit Wasser, na, dann machen wir mal das Beste daraus.

Und das braucht Zeit, manchmal sehr viel Zeit. Manchmal gehts auch wieder rückwärts und dann erst wieder vorwärts. Das ist normal. Ich habe mal von einer afroamerikanischen Heilerin einen sehr weisen Gedanken gehört: „Wie lange hast du dein Problem, sechs Jahre? Gut, dann wird es drei Jahre brauchen, um zu heilen.“.

Das war so ihre Faustformel: das Heilen dauert etwa halb so lang, wie das Problem in der Entstehung gebraucht hat. Mir gehts da gar nicht ums rumrechnen, sondern um den Gedanken: es braucht Zeit, es gibt meist keine schnellen Lösungen oder wie man so schön sagt: Alle wirklich wichtigen Wege muss man „zu Fuß“ gehen.

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8 Gedanken zu „Der Glücksterror

  1. Wie wahr!
    Gerade im esoterischen bzw. New Age Bereich ist mir das auch schon aufgefallen: Du musst glücklich sein, sonst stimmt etwas mit dir nicht. Du musst immer positiv sein, sonst kann es ja mit dem Glück nichts werden.
    Dabei kann ich positiv sein so viel wie ich will, wenn wegen einer Wirtschaftskrise meine Arbeitsstelle eingespart wird, hilft das auch nicht viel – und es muss doch okay sein, dann auch mal zu schreien, zu weinen und sich unglücklich zu fühlen, bevor man tief durchatmet und seinen Weg weitergeht.

    Das Leben ist halt eher ein Auf und Ab, es kann nicht nur immer bergauf gehen, sonst holt man sich ja auch irgendwann einen Sonnenstich.

  2. Danke für die schönen Worte, dass muss man sich immer mal wieder vor Augen halten.

    Von Zeit zu Zeit müssen wir Rast einlegen, damit uns unsere Seelen wieder einholen können.
    (Alte Indianer Weisheit)

  3. Ein sehr wichtiger Post. Manchmal sagt man lieber gar nichts, weil man sofort als Nörgler abgestempelt wird, wenn man nicht gleich die Lösung für ein Problem parat hat. Dann ist man „negativ“. Das liegt wohl auch an der Leistungsgesellschaft, happy shiny people, love & light. Es gibt diesen englischen Banner, der das sehr schön beschreibt – leider finde ich ihn gerade nicht. Drauf steht „wie gehts dir?“ Dann die Antwort – super! Und im Hintergrund in blasser Schrift steht „gebrochen, unglücklich, verzweifelt, krank, am Ende, hoffnungslos, entmutigt,etc.
    Die Emotionen, die uns eigentlich als wichtiger Kompass zur Verfügung stehen sollten, werden immer weiter zurück gedrängt und entkräftet, denn heute muss man sich „im Griff“ haben, wenn man weiterkommen will. Und genauso fühlt man sich dann auch „im (Würge)Griff“.

  4. Obwohl ich diese „Nörglermaschinen“, also leute, die sich quasi nur vom Nörgeln ernähren, auch nicht empfehlenswert finde. Um die versuche ich immer einen großen Bogen zu machen, weil ich ihnen auch bei aller Liebe nicht helfen kann. Ich habe keine Lösung für all ihre Probleme…
    Ja, immer schön gute Miene zum bösen Spiel. Wenn die Gesellschaft dann wenigstens so gepolt wäre, dass die seelische Gesundheit und die innere Glücklichkeit gefördert würde, aber man soll ja alles für den Job machen und mit dem Job glücklich sein. Arbeit Arbeit Arbeit und bitte lächeln, auch wenn du vor lauter Arbeit gar nicht mehr weißt, wer du gerade bist.

  5. Endlich spricht es mal jemand aus und benennt es treffend: Glücksterror. Mit Betonung auf „Terror“, weil einem ständig eingeredet wird, dass Glücklichsein der normale Grundzustand jedes Menschen sein sollte. Und wenn man nicht 24 Stunden am Tag zum Dauergrinsen aufgelegt ist, dann kann etwas nicht ganz stimmen.

    Ich denke, man erkennt einen psychisch „gesunden“ Menschen eher daran, dass er seiner Persönlichkeit und den Umständen entsprechend auf die Realität reagiert. Wer sich freuen kann, wenn etwas Schönes passiert und weinen kann, wenn etwas Trauriges passiert und sich aufregen kann, wenn etwas Ungerechtes geschieht, der darf sich wirklich glücklich schätzen 😉 Dauergrinsen bringt kein erfülltes Leben, höchstens innere Konflikte und Gesichtskrämpfe. Danke für diesen tollen Post, Claire!

  6. @ Pfeffernusshexe: Das ist ein Gedanke, der mir noch gefehlt hat: dass immer so getan wird, als wäre Glück der natürliche Zustand des Menschen. Der natürliche Zustand des Menschen ist, sich so zu fühlen, wie es angemessen ist (je nach Naturell der Person und der Situation, in der sie sich befindet).

    Natürlich sollte man auch nicht ständig rumnörgeln, die eigene Haltung ist wichtig, ein bißchen Mühe muss man sich schon geben, da hat Sofia völlig Recht. Aber vieles, was heute unter „Glück“ läuft ist in Wirklichkeit einfach nur: Klappe halten und lächeln. Also ein nicht-wahrnehmen-dürfen wie es einem wirklich geht.

    Manchmal denkt man: vielleicht werden viele Leute erst dadurch depressiv, dass sie nicht unglücklich sein dürfen, so eigenartig sich das im ersten Moment anhört. Weil es nicht raus darf, sondern ständig vertutscht werden muss und dann gleitet man irgendwann in den Zustand des gar-nichts-mehr-fühlens, der für Depressionen so typisch ist.

  7. Ja, wie traurig, aber wahr….. Ich stecke gerade in einer der eher wenig schönen Lebensphasen. Veränderungen, Abschiede, Traurigkeit… Beinahe schämt man sich doch schon, wenn man nicht mehr kann – es einem schlecht geht. Die Leute sehen nur, was sie glauben möchten. Am liebsten ist es ihnen wenn sie Deine Probleme so lange wie möglich ausblenden oder so tun können, als wären die gar nicht vorhanden . Ich meine ich hab da auch kein Bock drauf, ganz ehrlich… Aber was soll´s so ist das Leben. Es ist nicht immer eitel Sonnenschein, bei Weitem nicht. Es gibt nunmal die guten und die schlechten Zeiten, beide haben sicherlich irgendwo ihre Berechtigung. Und wer weiß: Vielleicht sitzt man in ein paar Jahren dort und kann darüber lächeln….

  8. Oh ja, da kann ich einmal mehr nur zustimmen. Mein Bruder sagte einmal sehr klug: Du kannst Dich nur weiterbewegen, wenn Du akzeptierst, wo Du jetzt stehst. Aber wer sieht sich selbst noch an? Wir wollen ja nicht als Versager dastehen und in die Ecke „nicht belastbar – aussortieren“ abgeschoben werden.

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