De/Motivation im besten Sinne

Ich merke mal wieder: in Schreibphasen werde ich „bloggy“, da sprudelt es dann auf allen Kanälen.

Letztens bin ich über einen beliebten Motivationssatz gestolpert, der bei Lichte betrachtet ziemlicher Nonsens ist. Der Satz lautet: Nur was man sich hart erarbeitet, macht einen auch wirklich zufrieden (wahlweise auch: erfolgreich, gesund, beliebt, fit, reich, erleuchtet – was die Leute eben so alles anstreben). Der ebenfalls allseits beliebte Umkehrschluss ist: Wofür du dich nicht verausgabt hast, das ist nichts wert.

Das sind doch Traumsätze für Ausbeuter aller Art! Daher: Einspruch. Praxisprüfung!

Jetzt mal ehrlich, wem wäre noch nie etwas einfach so in den Schoß gefallen, über das man sich total gefreut hat? Und wer hätte sich noch nie aufgerieben für ein Ziel, das einem beim tatsächlichen Erreichen ziemlich bedeutungslos vorkam?

Man kann das Leben nicht über harte Arbeit in Richtung Glück steuern. So kommen mir solche Sätze immer vor: Wenn du nur hart genug arbeitest, dann passiert Wunder was. Und wenn nicht, dann wird nie was aus dir (ohne unterschwellige Drohungen kommen solche Philosophien eigentlich nie aus).

Auch da wieder: Einspruch. Warum gibt es so viele hart arbeitende Menschen, die total unglücklich sind oder sich über keinen ihrer Erfolge richtig freuen können? Die müssten doch alle höchst zufrieden und glücklich sein.

Da geht mir immer ein Interview mit Tim Mälzer nicht aus dem Kopf, der meinte, dass er sich erst Jahre nach seinen großen Erfolgen wirklich über sie freuen konnte. Oder die Zuschrift einer lieben Leserin, die mir berichtete, dass Bärbel Mohr nicht mehr unter uns weilt (die Autorin von „Bestellungen beim Universum“, das werden viele kennen), weil nach einem Burnout körperliche Probleme kamen.

Arbeit adelt nicht. Arbeit macht man und wenn man sie gerne macht, umso besser! Manchmal muss man auch ein bißchen strampeln und sich abmühen, keine Frage (das gilt nicht nur in Bezug auf den Job). Aber dieses „nur wenn du rödelst ist es wirklich gut“, das ist wie ein Nasenring, durch den nicht wenige Leute viel länger in unglücklichen Situationen bleiben, als sie müßten und es ihnen gut tut.

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6 Gedanken zu „De/Motivation im besten Sinne

  1. Diesen Beitrag habe ich jetzt gebraucht! Mir ist schon seit Schulzeiten vieles in den Schoß gefallen, ich musste mich oft weniger für Dinge anstrengen als alle anderen. Ich bin bei den meisten Dingen, die ich mache, mit dem Herzen dabei und deshalb flutschen sie auch gut. Aber oftmals bekomme ich dann zu hören, ich sei faul, strenge mich nicht genug an oder es wird mir vorgeworfen, dass ich ja sogar noch viel besser sein könnte, wenn ich viel mehr arbeiten würde. Dabei will ich doch nur glücklich und zufrieden sein mit dem, was ich tue und wie ich es tue, ohne daran gemessen zu werden, wie viel ich tue/wie viel es mich kostet.

  2. Das ist vollkommen wahr :). Klar freue ich mich, wenn ich hart für ein Ziel gekämpft habe und es sich dann endlich auszahlt, aber das ist nicht die Quintessence des Glücks. Deshalb geht bei vielen auch der amerikanische Traum nicht in Erfüllung, sonst gäbe es dort ja nur Stars und Millionäre ;). Sich lieber auf das besinnen, was einem den Alltag versüßt.

  3. Unser gesellschaftliches System konzentriert sich vorwiegend darauf, Leute auszusortieren und nicht einzusortieren und wenn man da 1:1 mitläuft, wird es schwierig mit dem Glück.

    Das geht in der Schule los, setzt sich in der Ausbildung fort (in anderen Ländern werden zum Beispiel Hauptschüler direkt in der Ausbildung fit gemacht und nicht wie Fallobst behandelt, das man besser gar nicht erst annimmt). Das betrifft Mütter, die nicht ordentlich in den Job zurück können und spätestens als Rentner stellen viele bitter fest, dass sie uninteressant geworden sind, weil sie ja keine „Leistung“ mehr bringen.

    Wenn ein System darauf basiert, dass es Gewinner und Verlierer gibt, dann muss irgendjemand auch verlieren. Und dann ist dieses System (bzw. dessen Gewinner) auch nicht daran interessiert, es zu ändern.

    Es gibt zum Beispiel interessante Modellrechnungen für 30-Stunden-Wochen, die viele Probleme (Arbeitslosenzahlen, beide Eltern können sich besser ums Kind kümmern, Burnout-Vorbeugung usw.) lösen könnten, aber über so etwas darf ja nicht mal ernsthaft nachgedacht werden, weil es der Maxime des sich-abstrampels widerspricht.

    Manchmal kommt es mir so vor, als wäre Arbeit die neue Religion, das Einzige, das noch als sinnstiftend betrachtet werden darf und alles andere wird nur wie notfalls verzichtbare Lebens-Dekoration betrachtet.

  4. Ja, daß sehe ich genau so. Als ich mich beruflich selbständig machte, bekam ich beim Erwerb des Gründerpasses als erstes zu hören, mit 20 Stunden! Arbeit sei die erste Zeit auf jeden Fall zu rechnen. Auf meinen Einwurf, dann könne ich ja im bisherigen Arbeitsfeld bleiben, wurden mir ein grimmiger Blick und geringe Aussichten zuteil. Vielleicht hängt die Arbeitswut auch mit der Unfähigkeit, die freie Zeit wirklich zu genießen, zusammen. Einfach einmal „nichts“ tun, in der Wiese liegen und den Wind auf der Haut spüren – momentan eine Lieblingsbeschäftigung von mir. Unbedingt empfehlenswert!

  5. Amen. =) Es geht sogar so weit, daß Leute, die Spaß an ihrer Arbeit haben, das niemals zugeben würden, aus Angst, man würde die Leistung weniger wertschätzen. Stattdessen wird mit frustriertem Gesicht auf höchstem Niveau gemeckert.
    Bei mir ist es ähnlich wie bei Liath. Und darüberhinas kann ich ackern wie ein Tier, wenn ich mit dem Herzen dabei bin. Wenn es Musik ist und mich glücklich macht, empfinde ich es einfach nicht als Arbeit und mir geht daher nicht die Energie aus. Wenn ich dagegen mit zwischenmenschlichen Huddeleien zu kämpfen habe, wenn ich etwas total Ungeliebtes machen muß – das ist harte Arbeit, und ganz ehrlich, wenn ich die hinter mir habe, habe ich mich noch nie gefreut. Ich habe mir immer gewünscht, daß mir das irgendwann erspart bleibt.

  6. Ich bin zwar der Meinung an dem Spruch „hilf Dir selbst, dann hilft Dir „Gott“ echt was Wahres dran ist – sogar sehr wichtig, diese Einstellung. Kann aber aus eigener Erfahrung sagen dass dies nicht bedeutet sich unter allen Umständen kaputt machen zu wollen, um eine ach so erstrebenswerte Sicherheit um jeden Preis festzuhalten. Gerade gestern sagte meine Freundin noch zu mir am Telefon wie häufig es ein „Zu-Fall“ ist, der im Leben eine wahre Wendung bringt, etwas Großes, wie auch immer. An Zufälle im Sinne des Wortes, wie wir es kennen, glaube ich ohnehin nicht. Aber dass uns etwas zu-fällt, begegnet, eine Tür sich öffnet (selbst wenn sie im ersten Moment alles andere als verlockend zu sein scheint), das kennen wir doch sicher alle. Und es sind tatsächlich häufig gerade diese Wendungen, auf die man hinterher zurück blickt und von denen man dann sagen kann: Genau diesen Anstoß habe ich gebraucht. Also Fazit: Den Arsch hochkriegen ist super wichtig (pardon, hoffe die Schreibweise stört hier niemanden) und sonst hilft auch keine Magie der Welt, wenn wir nicht selbst mitarbeiten. Aber das ist nicht dasselbe wie sich kaputt zu knüppeln, fertig machen zu lassen, von der Arbeit krank zu werden – denn dann läuft eindeutig was schief und auf kurz oder lang ist eine Kursänderung von Nöten…

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