Ein bißchen Nähkästchenzeug

Letzens kam ich mit einer frischgebackenen Kollegin ins Schwatzen, die den Tarotkurs bei mir belegt hatte und als Neuling bei manchen Geschichten noch ganz schön zu knabbern hat. In diesem Job lernst du Menschen ziemlich ungeschminkt kennen, man muss anfangs erstmal lernen, Dinge nicht persönlich zu nehmen und absolut sachlich zu denken.

Mir sind vor ein paar Jahren zwei Geschichten passiert, die echt denkwürdig sind und beides geschah auch noch innerhalb einer halben Woche.

Da war zuerst ein Mann ohne festen Wohnsitz (etwas weniger elegant gesagt: er wohnte im Obdachlosenheim), der von mir die Karten gelegt bekommen wollte und als wir auf den Preis zu sprechen kamen, bestand er darauf, dass ich ihm keinen Sonderpreis mache. Schließlich sei meine Arbeit etwas wert.

Ein, zwei Tage später fragte eine Frau an, der es darum ging, ob ein bestimmtes Haus als Zweithaus im Ausland für die Sommerfrische eine gute Wahl wäre. Sie war entsetzt, dass der Preis für die Beratung diesmal fünf Euro mehr als beim letzten Mal betragen sollte (wo es um ein ganz anderes Thema ging und ich arbeite halt nicht pauschal mit Einheitspreisen). Sie rauschte mit großem Getöse und bösen Worten von dannen, was mir bitteschön einfiele…

Tja, was fiel mir ein? Dass man von fünf Euro auch nur zweifuffzig hat, nach Steuern und Abgaben? Ich glaube das war eine Lektion des Schicksals und zwar dass dieser Mann zuerst kam, denn wenn es anders herum passiert wäre, hätte ich mir diese Sache viel zu sehr zu Herzen genommen.

Das war wirklich als hätte das Schickal gesagt: Setz dich hin und pass auf, jetzt lernst du was. Ich habe nie wieder von ihm gehört, aber seine Würde, die mir auch ein gutes Stück Respekt vor meiner eigenen Arbeit gelehrt hat, werde ich ihm nie vergessen.

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5 Gedanken zu „Ein bißchen Nähkästchenzeug

  1. Deine Geschichten aus der Praxis finde ich immer sehr interessant. Ich finde es manchmal lächerlich, wie Leute sich über gewisse Preise beschweren und dann täglich ums Eck laufen, um sich ’ne Packung Zigaretten zu holen. Das soll nicht heißen, dass man es dafür nicht ausgeben sollte, nein, ich bin ja selbst Raucherin… Aber ich sehe auch, dass Geld und dessen Wert im Gefühl der Menschen liegt. Ich gebe oft Obdachlosen Geld. Viele Leute sagen dann: Nee, da ist mir mein Geld zu schade für und der kauft sich ja eh nur Alk davon… Aber mir geht es gar nciht darum. Wenn ich ihm etwas gegeben habe, hab ich es ihm geschenkt und er kann damit machen, was er will.
    Und ich fühle mich gut, dass ich geben kan und freue mich darüber 🙂

  2. @ hexesofia: So sehe ich es auch und wer weiß schon sicher, dass er niemals im Leben ganz unten landen wird? Bei vielen Obdachlosen waren es schlechte Startchancen im Leben und/oder Schicksalsschläge, von denen sie sich nie erholt haben, die zu dieser Situation geführt haben. Das sucht sich doch niemand freiwillig aus.

    @ Leona: So etwas ähnliches dachte ich damals auch, das war schon ein bißchen viel Zufall auf einmal. 😉

  3. Das wirft (leider) ein sehr realistisches Bild auf unsere Gesellschaft, oder wie man da sagt… Sowas höre ich heute nicht zum ersten Mal… Irgendwie scheint es tatsächlich so zu sein dass meist diejenigen am ehesten bereit sind zu geben, die eigentlich selbst am wenigsten haben…

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