wer hinguckt sieht was

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erste Gärtnerfreuden: die Radieschen kommen

Gestern Abend war ich in der Dämmerung in der Innenstadt unterwegs. Autos, Straßenbahnen, Busse und Lastwagen tobten durch die Straßen, alle auf der Flucht nach Hause.

Alle?

Nicht direkt. Amseln & Co. sangen in den schönsten Tönen, man muss nur nach oben gucken. Amseln setzen sich auf ihre sog. Singwarte, das ist ein schöner, hoher Platz, von dem aus sie besonders gut gehört werden. Die Mädels wollen schließlich beeindruckt werden. Ich entdeckte gleich drei Amseln auf Häusern und Bäumen und sie waren glücklicherweise lauter als der Verkehr.

Das war wieder so einer der Momente, in denen ich mich frage, warum sich manche Leute Seminare bei Superschamanen und anderen „heiligen“ Leuten in möglichst exotischer Umgebung kaufen. Macht doch mal die Augen auf.

Wenn man in einer Stadt mit einer halben Mio. Einwohner mitten im Zentrum die schönsten Amsel-Lieder-Wettbewerbe hören kann, was will man dann sonstwo? Von den exotischen Superleuten kommt man wieder nach Hause, hat aber immer noch nicht gelernt, hinzuschauen und zu sehen, was hier alles los ist. Die Wildnis ist mitten in der Großstadt.

Ich habe mal von einem Supermarktparkplatz aus auf einem verwilderten Gelände daneben zwei Krähen mit einem Fuchs streiten sehen. Spätestens da wurde glasklar: Mach dir nichts vor, die Stadt ist genauso Natur, wie alles andere auch. Auf eine andere Weise und manchmal sogar überraschend, z.B. bei Tieren, die vor der Agrar-Chemie des Landlebens in die Städte flüchten und hier ihr Plätzchen finden.

Wenn man immer denkt: hier ist die böse Stadt und irgendwo da draußen die gute Natur, dann wird man blind für das, was da ist. Den mutigen Löwenzahn zwischen Gehwegplatten, die nächtlichen Füchse, Enten, Nutrias, die Schmettterlinge und Grünfinken. Dann jammert man, dass es „bei uns ja nichts mehr gibt“ und reist weit weg, kommt danach wieder nach Hause und sieht den Löwenzahn immer noch nicht.

Ich sage nicht, dass in Städten alles optimal ist, aber es ist halt optimal da anzufangen, wo du bist. Wo du wirklich bist, jeden Tag.

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5 Gedanken zu „wer hinguckt sieht was

  1. Das ist schon richtig, dass man nur hinschauen muss und schon sieht man „die Natur“ auch in Städten. Ich geniesse das auch sehr und brauche es förmlich zum Überleben. Ich versuche den Blick auf das zu lenken, was da ist und freue mich auch wirklich sehr darüber.
    Trotzdem finde ich es extrem bedrückend und traurig, zusehen zu müssen wie den Tieren und Pflanzen immer mehr und immer schneller der Lebensraum weggenommen wird. Auf dem Weg zur Arbeit muss ich immer wieder an plattgefahrenen Eichhörnchen vorbei fahren und unser schöner weitläufiger Stadtwald wird trotz aller Proteste und Bemühungen der Bürger und Naturschützer auch gerade gerodet…. um nur 2 winzige Beispiele zu nennen. Am Ende zählen doch immer nur die wirtschaftlichen Interessen. Ich gebe zu, dass ich das äußerst pessimistisch sehe. Und ich bin immer wieder verwundert wie wenige Menschen in meinem Umfeld das irgendwie interessiert. Vor allem bei denen die Kinder haben, müssten doch alle Alarmglocken schrillen und ein bisschen Interesse, Bemühen und Umsicht wäre zu erwarten… So, sorry, das kam gerade so aus mir heraus 😉 …. auch wenn es vielleicht ein bisschen vom Thema des posts abdriftet. Liebe Grüße, Katrin

  2. Dieser Artikel ist wunderbar. So schön beobachtet und auf den Punkt gebracht. Ich freue mich, dass auch Du siehst, was um uns einfach ist. Wir brauchen keine Welt und Natur zu retten. Die rettet sich ganz von alleine. Wir müssen nur wieder hinhören, hinsehen und Riechen lernen. Augen, Ohren und Geruchssinn wieder auf die Natur einstellen. Ich habe mich sehr über Deine Betrachtungen gefreut. Liebe Grüße Christine

  3. Da stimme ich dir 100%ig zu! Ich selbst bin auf dem Land geboren und wohne jetzt seit Jahren in einer Großstadt. Ich empfinde die Stadt in keinster Weise als weniger natürlich oder gar künstlich. Städte entstehen nicht im Chemielabor, sie wachsen ebenso „organisch“ wie Wälder und andere Ökosysteme: sie breiten sich aus, verändern sich, bilden Ausläufer und vernetzen sich, verfallen stellenweise und bieten den unterschiedlichsten Lebewesen ein Nischchen zum Leben. Der einzig wirkliche Unterschied ist, dass der Mensch auf das Ökosystem Stadt einen wesentlich unmittelbareren Einfluss hat, was sowohl gut als auch schlecht sein kann.

    Es gibt überall auf dem Planeten Stellen, an denen nicht viel wächst und einige, an denen das Leben nur so tobt. Es lauern überall auf dem Planeten Gefahren, ebenso finden sich überall Rückzugsmöglichkeiten und schützende Nester. Genauso ist das auch in den Städten. Ich würde mir wünschen, dass die Naturliebhaber dieser Welt, zu denen ich mich auch zähle, mehr für das harmonische Miteinander von Mensch, Tier und Pflanze in den Städten tun würden, als sich in die vermeindlich heile Natur außerhalb der Städte zu flüchten. Wir leben in der Welt, in der wir leben und zu dieser Welt gehören nun mal Städte, Verkehrslärm, Straßen, Strommasten usw. Sich in romantische Postkartenmotive der unberührten Natur zu flüchten, ist keine wirklich produktive Antwort auf die Umweltprobleme unserer Zeit.

  4. Ich hab auch nicht schlecht geguckt, als ich noch in Berlin gelebt habe und mir nachts mitten im Lustgarten ein Fuchs über den Weg lief! Ich habe gerade die verpaßten Blogeinträge nachgeholt und dieser hier paßte so perfekt, denn heute habe ich im Stadtpark zum allerersten mal einen Eisvogel gesehen. Man muss wirklich die Augen aufmachen und dann wird einem klar, dass wir Menschen die wundervolle Fähigkeit besitzen, Dinge wieder ins Leben zurück zu holen, die in Vergessenheit geraten waren.

  5. Schön, dass wir beide mal wieder etwas gemeinsam haben!😄 Auch wir wohnen ganz nah an der Grosstadt, gegenüber von uns steht ein riesiger Ahorn , Kiefer, Birke und Stäucher. Sehr oft kann man da Eichhörnchen beobachten, viele Vogelarten, sowie im Sommer in tiefer Nacht geheimnissvolle Fledermäuse! Morgens freue ich mich täglich aufs neue, wenn die Amseln ihr Lied trällern, da hat der Wecker ausgedient.

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