Orakelsommer Teil 4: Kaffeesatzlesen

Wie versprochen kommen wir im 4. Teil des Orakelsommers zum Kaffeesatzlesen. Es ist ein bißchen lang geworden, aber viele Gedanken kamen vorbei und wollten erwähnt werden, so dass ich diesen Artikel mehr unterteilt habe, als die vorherigen.

weewpsMit Milchschaum wird´s leider nichts – der ist für große und kleine Genießerinnen. 😉

Die Vorbereitungen sind denkbar einfach

Man überbrüht gemahlenen Kaffee mit kochendem Wasser, lässt ihn absetzen (ein bißchen pusten, dann geht es schneller). Danach trinkt man ihn langsam und wenn unten nur noch wenig Flüssigkeit in der Tasse ist, setzt man eine Untertasse darauf und dreht die Tasse um. Danach wartet man etwa zehn Minuten und kann die Tasse anschließend wieder umdrehen, um zu schauen welche Bilder entstanden sind.

Die innere Haltung

Wie immer bei den alten Orakeln gilt auch hier: es sieht simpel aus, ist in Wirklichkeit aber eine hohe Kunst. Das Wichtigste ist, dass man es bewusst tut, vom Aufbrühen des Kaffees bis hin zum Trinken und dem Umdrehen der Tasse.

Das ist kein alltäglicher Kaffee zwischendurch, es ist ein Ritual, eine Zeremonie – und wenn es „von oben“ berührt werden soll (sprich: wir eine wegweisende Botschaft erhalten möchten), dann müssen wir es auch so behandeln, dass die guten Geister die Botschaft gerne überbringen.

Orakel sind eine Kommunikation zwischen zwei Seiten. Sei genauso höflich, als würde dir jemand, der über sehr viel Durchblick verfügt, direkt gegenübersitzen, um deine Fragen zu beantworten.

Die Augen schulen

Die meisten, die sich im Kaffeesatzlesen versuchen, sehen erstmal gar nichts. Ich habe mir mit den folgenden Fotos den Spaß gemacht, sie an Freunde zu verschicken mit der Frage: Was siehst du da?

Die meisten sahen: „Nichts.“ Ich habe dann nachgehakt: „Das kann doch nicht sein, was siehst du da?“

„Na gut, ich sehe nasse Kaffeekrümel.“

„Also siehst du doch was.“ 😉

„Hm.“

„Wie sind die Kaffeekrümel denn angeordnet?“

„Also oben ist… und im unteren Bereich… . Warte mal, mit etwas Fantasie könnte das folgendes sein: …“

Ihr merkt schon, worauf ich hinaus will: wenn du kein Bild siehst, sondern nur „nasse Kaffeekrümel“, dann beginne die Form zu beschreiben. Das kann erstmal völlig mechanisch sein, nach dem Motto: oben sind viele Krümel, unten ist kaum etwas, manche Krümel sammeln sich an einer Stelle usw.

Zum Beispiel so:

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Man guckt und dann sieht man erstmal drei Bereiche:

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Das ist noch nicht abendfüllend, aber ein Anfang. 😉

Manchmal hat man das Glück ein ganz konkretes Bild in der Tasse zu haben, wie der kleine Schamane, den ich letztens hatte:

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Hier mit ein paar Hilfslinien, um ihn zu erkennen: die Figur an sich (das mittlere Quadrat, der Körper sieht aus wie eine Sanduhr, darauf der Kopf mit großem Mund und eine Art Narrenkappe obendrauf) und die Energieströme, die über ihn hinaus nach oben strömen.

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Schwieriger wird es, wenn fließende Bilder kommen, wie dieses:

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Wobei sie meist genau das bedeuten: Alles ist im Fluss, mach dir keine Sorgen!

Die klassische Deutung und deren Philosophie

Es gibt nicht die Deutungsform beim Kaffeesatz. Wir sind es vom Tarot und dem Lenormand usw. gewohnt, dass Orakel feste Begriffe haben. Der Klee im Lenormand ist das kleine Glück, Punkt. Der Tod im Tarot ist eine Transformation, Punkt.

Die alten Orakel forden uns da mehr, wir müssen wirklich mit der inneren Stimme in Berührung kommen.

Ansammlungen von Krümeln entsprechen einzelnen Ereignissen, manchmal liegen mehrere Sachen in der Tasse, manchmal nur ein Thema. Man kann es nicht erzwingen (das gilt natürlich für alle Orakel). Die „da oben“ entscheiden, wie viel und was für uns gerade wichtig zu wissen ist.

Die Mitte der Tasse ist das hier und jetzt, zum Rand hin geht es immer weiter in die Zukunft.

… und da kommt auch schon der westliche Geist ins Spiel und will wissen: „Wieviel Zentimeter sind in etwa welche Zeitspanne?“. Aber so funktioniert das nicht.

Im Wesentlichen geht es darum ein Zeichen zu sehen. Und dieses Zeichen wird dann gedeutet.

Die alten Deutungen entsprechen dabei oft der traditionellen Traumdeutung. Dazu muss man sich das alte Weltbild vor Augen halten, sonst verwirren einen die Angaben, wenn z.B. ein Begräbnis auf ein Baby oder eine Hochzeit hinweisen soll. Wie sind sie damals nur darauf gekommen? Warum ist alles verkehrt herum?

Ich habe es mal skizziert:

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Die alten Traditionen sehen Orakel ebenfalls als Kommunikation zwischen zwei Seiten:: dem hier und jetzt und der „anderen Seite“, der Anderswelt oder wie man es auch nennen möchte.

In der alten Vorstellung ist dort Tag, wenn bei uns Nacht ist und umgekehrt. Es ist sozusagen die anderen Seite der Welt (wichtig: das sind mythische, symbolische Vorstellungen; wir Westler denken dann schnell „die waren ja einfältig“, aber das waren sie nicht, sie konnten noch zwischen den Ebenen unterscheiden und wir sind die Einfältigen, wenn wir es wortwörtlich nehmen).

Das bezog man dann auch auf die Deutungen, indem man sie genau umkehrte. Was „von drüben“ kam, wurde also ins Gegenteil verkehrt, um es zu übersetzen. Es gibt in den indianischen Traditionen sehr kommunikative Wesen, die immer alles verkehrt herum tun und man weiß genau, was sie meinen – man muss es nur umgekehrt machen. Dieses Wissen hat es bei uns vielleicht auch gegeben, zumindest ist diese alte Orakeltradition der Sache recht ähnlich.

Intuitiv deuten

Heutzutage deuten die meisten solche Orakel intuitiv. Das ist eine wunderbare Sache, aber auch eine grandiose Überforderung für die meisten Anfänger.

Seit ein paar Jahren ist „intuitiv“ sehr angesagt in er spirituellen Szene, aber wenn ich so schaue, was das oft anrichtet, ist es nicht unbedingt hilfreich. In allen Traditionen lernt man erst einmal die Grundlagen. Niemand ist so ein Genie, dass er alles aus sich selbst schöpfen kann.

Das ist als würde man die Leute ohne Wanderkarte losschicken und sagen: Leg mal los, ist ´ne schöne Gegend hier! Vielleicht finden sie die entscheidenden Ecken, vielleicht verirren sie sich aber auch und finden niemals das Beste.

Also: schnappt euch ruhig Bücher, lest kreuz und quer und tauscht euch aus. Das ist die Basis, also fangt auch damit an. Das Intuitive kommt noch früh genug und es ist wirklich eine wunderbare Sache, aber jedes Handwerk will erst einmal gelernt werden.

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6 Gedanken zu „Orakelsommer Teil 4: Kaffeesatzlesen

  1. Heute Morgen habe ich es gemacht….. meinen Kaffeesatz befragt.
    Fazit: Der Wille gilt fürs Werk 😉

  2. Da fällt mir ein, ich hab als Kind immer versucht, in Strukturtapeten oder Stoffmustern (also alles mit ungegenständlichen Abbildungen drauf) neue Formen und Sachen zu entdecken. Das Kaffeesatzdeuten scheint vom Prinzip her ähnlich zu funktionieren 😉

  3. @ Sarah: Ja! 🙂 Das ist ein hübscher Vergleich und das trifft es. Man liest im Grunde Strukturen und Muster dabei, findet die Formen in ihnen und deutet dann diese Formen.

  4. Bei „Outlander“ gibt es auch eine schöne „Kaffeesatz-lese-Szene“ (eigentlich eine Teeblätter-Lese-Szene, aber das tut dem ja keinen Abbruch 😉 ), in der allerersten Folge. Ich glaube zwar nicht, dass Diana Gabaldon die auf historischen Vorbildern aufgebaut, sondern eher wegen der Dramatik mit aufgenommen hat, aber sie ist trotzdem sehr inspirierend 🙂

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