Das Thema für den Herbst

noch mehr Naturfotos von mir gibt´s bei Instagram: @nature_by_claire

Der Orakelsommer war eine wirklich schöne Sache und vielleicht ist es generell eine schöne Idee, Themen über eine gewisse Zeit zu beleuchten, dann können sie sich besser entfalten. Natürlich kann zwischendurch auch immer mal etwas anderes kommen, ich sperre das ungerne in starren Vorgaben ein.

Draußen ziehen die ersten morgendlichen Nebelschwaden durch die Straßen und schon im Sommer, als ich von einer Leserin auf den Film „Winna, der Weg der Seelen“ aufmerksam gemacht wurde (→ hier der Blogeintrag dazu), wurde mir klar, dass dieses Thema später im Jahr nochmal eine Rolle spielen soll.

Daher möchte ich die Zeit jetzt im Herbst zur Tagundnachtgleiche und zu Samhain / Halloween dem Thema Tod und Vergänglichkeit widmen.

Huh, werden da mache denken und vielleicht lieber weitersurfen. Das ist auch OK, wobei ich es nicht als düstere, deprimierende Serie plane. Machen wir uns nichts vor: niemand kommt um dieses Thema herum, der Freunde und Familie hat und auch wenn man nicht gerne darüber nachdenkt, ist man eines Tages selbst an der Reihe.

In den Beratungen ist das ein häufiges Thema: verlorene (ungeborene) Kinder, verstorbene Freunde oder Familienmitglieder, manchmal auch Leute, die man gar nicht so genau kannte, deren Tod einen aber sehr berührt hat.

Es gibt so viele Fragen und Aspekte, nur ein paar Beispiele aus dem täglichen Leben:

Die Mutter hat den Vater so geliebt, wir haben Angst, dass sie ihm „hinterhergeht“ und wollen sie nicht auch noch verlieren, kann man da nicht irgendwas machen?

Ich habe damals meine beste Freundin plötzlich vor dem inneren Auge inmitten eines Lichtblitzes gesehen – genau in dem Moment hatte sie den Autounfall. Ich habe das noch nie jemandem erzählt, damit man mich nicht für verrückt hält.

Ich bin nachts mit Herzrasen aufgewacht und die Uhr ist stehen geblieben. Am nächsten Tag rief das Krankenhaus an, der Vater ist genau zu dieser Zeit verstorben.

Ein paar Tage nach der Beerdigung habe ich mein Kind gesehen, als würde es vor mir stehen. Alle sagen das war Einbildung oder Wunschdenken, aber ich weiß, dass es das nicht war. Diese Verbindung hat sich völlig anders angefühlt. Es hat mir zugewunken und in dem Moment wußte ich, dass es ihm gut geht und ich mir keine Sorgen machen soll.

Ich war im Urlaub und abends schauten mich zwei Sterne an, als wären es Augen, die mir etwas sagen wollen. Ich dachte, ich spinne, das hat mich erschreckt und ging mir längere Zeit nach, weil es so eindrücklich war. Erst viel später erfuhr ich, das genau in dieser Zeit ein lieber Mensch gestorben ist.

Mein Lebensgefährte ist verstorben, doch bei mir auf der Arbeit erwarten sie jetzt schon, nach gerade mal zwei Wochen, dass ich wie immer bin und mir nichts anmerken lassen.

… sich nichts anmerken lassen, bloß schnell weitermachen wie gehabt, das ist oft ein großes Problem. Man muss da natürlich unterscheiden, für viele ist es hilfreich ein Stück weit „wie immer“ weiterzumachen, das gibt Halt. Es ist das sprichwörtliche: Das Leben geht weiter.

Trauernde können es manchmal keinem recht machen. Lenkt man sich mit dem ganz normalen Leben etwas ab, heißt es, man würde das zu schnell abhaken. Trauert man intensiv und drückt das auch aus, wollen viele das am liebsten nicht sehen und sind peinlich berührt oder erstellen sogar hobby-psychologische Diagnosen, die unterschwellig suggerieren, dass man „krank“ wäre, wenn man nicht endlich mal besser drauf ist.

Das Ziel dieses Herbst-Themas ist also: dieses wichtige Thema aus der Schweige-Ecke herauszuholen, behutsam und respektvoll. Zu schauen, welche Traditionen und Rituale helfen können, aber wirklich ganz behutsam.

In der westlichen Kultur rutschen wir schnell auf die intellektuelle Ebene und machen schlaue Sprüche, um uns solche Themen emotional auf Distanz zu halten (wie z.B. der Klassiker: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, nur vor dem Sterben.“ – das ist so eine Kopfgeburt, die zeigt, dass man meilenweit vom Thema entfernt ist; in Asien tastet man sich viele Jahr(zehnt)e lang meditativ an dieses Thema heran, aber wir sind anscheinend so toll, dass wir das fix mit einem Satz wegerklären können).

Ich sage auch nicht, dass ich die große Hexe wäre, die alle Lösungen hat. Ich habe genauso liebe Menschen verloren und an manchem knabbere ich bis heute in stillen Minuten. Das ist einfach das Leben.

Es soll also kein düsterer Trauer-Herbst hier im Blog werden, sondern ein gemeinsamer Blick, sich austauschen und Dinge zusammentragen, die hilfreich sein können. In unserer schönen, neuen Botox-Welt kann man sich sehr alleine fühlen, wenn das Schicksal zuschlägt und man auf einmal merkt, wie hoch die Mauern des Schweigens bei diesem Thema sein können, weil es eben nicht schick, bequem oder schön ist.

 

 

 

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7 Gedanken zu „Das Thema für den Herbst

  1. Liebe Claire,
    ich finde es super, dass du dich diesem Thema annimmst! Ich habe selbst schon einige Erfahrungen gemacht, sei es nur die Vorahnung dass einer „gehen“ wird, aber auch „Zeichen“ des Verstorbenen bis hin zu Kontakten. Ich habe das Glück, Freunde zu haben, die ähnliche Erlebnisse auch hatten und das in meiner Familie der alte Glaube verankert ist, dass die Verstorbenen nochmal bei ihren Lieben und dem Ort an dem sie lebten vorbeischauen, um zu sehen, ob allen in Ordnung ist.
    Aber durch meine Arbeit in Kranken- und Altenpflege habe ich oft erlebt, wie einsam manche Menschen mit diesem Thema sind, sowohl die, die sich im Sterbeprozess befinden, als auch die Angehörigen, die oft weder jemanden zum reden haben, noch wissen, was sie fühlen dürfen und glauben können.

    LG Catharina

  2. Guten Abend Claire,

    vielen Dank für das Thema – ich finde es sehr wichtig, dass es angesprochen wird und sich die Gesellschaft ggf. auch dafür weiter öffet (also kein Tabuthema mehr ist). Zum Thema „Tod“ hat es -glaub ich- letztes Jahr eine ARD-Themenwoche gegeben. Ich selbst spreche immer recht offen (über Pflege / Krankheit) auch mit anderen darüber. Ich finde es sollte kein Tabuthema sein, da es zum Leben dazu gehört – genauso wie die Trauer. Ich finde es überzogen, dass die Gesellschaft teilweise erwartet, dass man nach einem Verlust binnen zwei Wochen wieder arbeiten kann…
    Allerdings traue ich mich nur in der Familie über z.B. Kontakte zu Verstorbenen zu reden. Leider herrscht dort der Glaube, dass der Kontakt mit Verstorbenen überwiegend negativ geprägt ist. Ich bin mir unsicher.

    Als mein Großvater vor 10 Jahren verstarb, hatte ich das Gefühl, dass er uns noch einige Zeit „besuchte“ und über uns wacht. Für mich mit damals 15 war es verwirrend. Etwas verschreckend waren seine plötzlichen Besuche als ich später umzog.
    Letztes Jahr im Dezember ist meine Großmutter (gottseidank) friedlich eingeschlafen. Zuvor war sie ca. 2 Jahre schwerst pflegebedürftig (Alzheimer, Demenz und bettlägerig), davon das letzte 3/4 Jahr im Pflegeheim, weil die Pflege zu Hause nicht mehr leistbar war. Auch weil die Demenz & der Alzheimer die Persönlichkeit schwer verändert haben… Bei der Beerdigung hatten sowohl ich als auch meine Eltern das Gefühl, dass sie neben uns am Grab stand bzw. in der Nähe. Es war ein komisches Gefühl, bei ihr durch die Krankheit leider sehr negativ besetzt.

    Beruflich habe ich mich die letzten beiden Tage in einer größeren Stadt befunden und dort vor Abreise mit dem Zug in einer größeren Buchhandlung gestöbert. Dabei konnte ich feststellen, dass ein ganzer Bereich nur für spirituelle Dinge / Seelisches eingerichtet war. Das kannte ich bisher so nicht. Interessanterweise umfasste der Bereich Themen wie Räucherungen / Düfte und die asiatische Kultur mit Yoga, Buddismus usw. aber auch Themen wie Krankheit und Tod. Ich fand es mal schön zu sehen, dass sowas in der Vielfalt angeboten wird aber auch erschreckend mit was da teilweise Geld gemacht werden soll (also z.B. überteuert wie eine Kosmos-Räucherbox mit dünnem Buch und 6 Harzen für 30 Euro).

    LG, Ann-Christine

  3. Liebe Claire, ich bin begeistert, dass Du dieses Thema ausgesucht hast! Das kommt gerade zur rechten Zeit. Ich hoffe auf einen breiten Erfahrungsaustausch mit deinen blog-Leserinnen/ Lesern.

    Mein Vater ist vor wenigen Monaten gestorben, und ich habe das Glück, viel Verständnis und Beistand von meinen Kolleginnen und Kollegen erfahren zu haben.

    In der Zeit bekam ich den Eindruck, die Welt wäre geteilt in die Menschen die „wissen“ (ein Elternteil oder sehr nahen Verwandten verloren) und in die noch „unbeleckten“ – genauso, wie mir oft geschildert wird, unsere Gesellschaft teile sich in Eltern und Nicht-Eltern, und die, die nicht-Eltern sind, könnten diese Schwelle einfach nicht über den Kopf passieren, es wären einfach zwei Welten.

    Sehr viele „Wissenden“ kamen auf mich zu, hießen mich willkommen im Club (so kam es mir vor), und erzählten mir sehr persönliche Erlebnisse mit ihren Verstorbenen.

    Ich selbst stehe mit den Erfahrungen noch ganz am Anfang und sehr stark unter Schock – aber ich war sehr positiv berührt von den offenen Gesprächen, auch von entfernten Kollegen, und dass diese Erlebnisse, die in unserer materialistisch-naturwissenschaftlich geprägten Welt geleugnet werden, doch im Grunde offensichtlich fast jeden oder sehr viele Menschen erreichen – es wird nur offiziell „totgeschwiegen“.

    Aber jetzt, wo ich auf der „Clubseite“ stand, durfte man mit mir offen darüber reden :-). Bzw., diejenigen, die den Weg schon vor mir zurückgelegt haben, wollten mir Trost spenden, weil sie auch wissen, wie verloren wir uns da anfang fühlen, und wollten mir daher „verraten“: da kommt noch was :-).

  4. Hallo Claire, ich finde es sehr gut, dass du das Thema aufgreifst. Meine Mutter ist vor 3 Wochen gestorben, ganz plötzlich, sie war wie jedes Jahr mit Freundinnen auf einer 3-Tages-Busreise. Sonntagsmorgens kam der Anruf, dass die im Krankenhaus liegt und wahrscheinlich nicht durchkommt, Lungenentzündung (von der man überhaupt nichts gemerkt hat!) mit Sepsis und Multiorganversagen. Ihre Freundinnen sind aus irgendwelchen Gründen nicht auf die Idee gekommen, uns anzurufen. Wir sind am Sonntag noch rauf nach Hessen gefahren, aber sie war nakotisiert wegen der Beatmung. Montagmorgen ist sie gestorben. Das war alles so furchtbar, man fragt sich, ob sie noch leben könnte, wenn sie nur zu Hause gewesen wäre und man früher einen Arzt gerufen hätte. Und vor allem frage ich mich, was sie noch mitbekommen hat. Ich bezeichne mich eigentlich als Agnostikerin, aber im Moment wünsche ich mir fast, ich könnte in irgendeiner Form glauben und sie würde mir ein Zeichen geben.
    Liebe Grüße
    Anette

  5. Hallo Claire,
    Ich freue mich, dass du dich traust, dieses Thema anzusprechen. Man kommt sich ja heutzutage fast schon wie ein Verbrecher vor, wenn man das Thema Tod anspricht, weil man der Gute-Laune-Gesellschaft damit die Stimmung verdirbt.

    Ich selbst habe vor einigen Jahren meine Mutter viel zu früh an Krebs verloren. Damals habe ich die selbe Erfahrung gemacht, wie du sie in deinem Beitrag beschrieben hast: man kann es keinem recht machen. Wenn man sich zurückziehen möchte, wird man gewaltsam aus seinem vermeintlich „dunklen Loch“ gezogen und zum Spaß animiert. Wenn man sich ablenken und vielleicht sogar amüsieren will, dann wird einem unterstellt, man wolle die Situation „verdrängen“. Und Gott bewahre man weint! Auf der Beerdigung hat man das erwünschte Maß an Tränen zu zeigen, aber ansonsten sollte man das lieber sein lassen, denn mit Gefühlsausbrüchen solchen Ausmaßes können die meisten Menschen einfach nicht umgehen.

    Ich war damals noch recht jung und ziemlich entsetzt davon, wie schwierig es für viele scheinbar gefestigte Erwachsene es ist, mit dem Thema Verlust, Trauer und Vergänglichkeit im Allgemeinen umzugehen. Das Thema Tod betrifft jeden und trotzdem scheint niemand gelernt zu haben, wie man damit umgehen kann.

  6. Liebe Anette,
    was Du schreibst ist superheftig! Es tut mir wahnsinnig leid. Bei meinem Vater vor 9 Wochen war es ganz ähnlich, das kann ich gut nachempfinden. Ich für meinen Teil bin überzeugt, dass die Seele weiterlebt und es eine göttliche Dimension gibt, das hilft mir sehr.
    Ich wünsche Dir sehr, dass Du dieses Zeichen bekommst, ob es von deiner Mutter ist oder von anderer Seite, man muss es selbst erlebt haben um daran zu glauben und diese innere Gewissheit zu haben.
    Von meiner Seite kann ich dir ein Buchtipp geben: Dr. Eben Alexander: „Blick in die Ewigkeit“. Unabhängig vom Schreibstil hat mich das Buch sehr tief berührt, es ist für mich glaubhaft, nicht nur weil man merkt, mit wieviel Herz der Autor es geschrieben hat, sondern für mich auch, weil es sich mit teilweise ähnliche Erfahrungen deckt. Ich kann nicht sagen, wie ich sonst auf das Buch reagiert hätte, ich war 28 Jahre lang Atheistin bzw. teilweise zumindest schon Agnostikerin 🙂 – und grundsätzlich immer sehr skeptisch. Ich kann mir vorstellen, dass das Buch grad etwas für Euch wäre.
    Dir auf jeden Fall alles Gute, Mari

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