Der Baum des Lebens

 

Erkenntnis ist eine stachelige Frucht, sagt ein altes und – wie wir alle wissen – nur allzu wahres Sprichwort. Will man sich altem Wissen annähern, muss man oft über Symbole gehen. Ironischerweise ist es gar nicht so verborgen, wie oft gesagt wird. Es liegt praktisch vor unserer Nase. Wir müssen nur lernen, altbekanntes mit offenen Augen zu sehen.

Nehmen wir einmal die Schlange im christlichen Kontext. Je länger man darüber nachdenkt, desto holpriger wird es. Die Schlange gehört zu den ältesten spirituellen Symbolen der Menschheit. Weit älter als viele heutige Religionen und so gründlich diffamiert und verteufelt, dass beim besten Willen niemand mehr an die alte Erdgöttin dahinter denkt.

Und trotzdem blitzt es oft noch durch: überformt, verdreht, aber es ist da. Die Schlange am Fuß des Weltbaums und der Adler oben in seinen Wipfeln, ein uraltes Bild. Der Adler, Symbol des Vatergottes, Zeus & Co. lassen grüßen. Die Schlange, schon immer verbunden mit Mutter Erde und dem Element der Fruchtbarkeit, dem Wasser.

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Maria steht manchmal auf einer Schlange, da ist es fast noch offensichtlich. Am besten noch mit einer Mondlichel dazu, dem alten Symbol der Göttinnen, das in Form von Lunula-Amuletten auch bei uns noch bis weit in die Christianisierung hinein beliebt war. Und dann denken wir an die Sache mit Adam und Eva, da wird es erst richtig eigenwillig, aber dazu gleich mehr.

Man fragt sich: Warum wurden an so zentralen Stellen Schlangen eingebaut? Eigentlich wäre es nicht nötig, sie dort als Symbole einzuflechten. Maria würde auch gut ohne Schlange auskommen (oder doch nicht?). Beim Lebensbaum war die Schlange wohl unumgänglich und musste wenigstens negativ gedeutet werden.

Das Wissen um diese Symbole muss also eine gewisse Zeit noch gut im Bewusstsein der Leute verankert gewesen sein, sonst hätte man es elegant verschweigen können und keine Umdeutung vornehmen müssen.

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Die ganze Sache im Garten Eden wird unstimmig, je länger man darüber nachdenkt. Da haben wir einen Lebensbaum, inklusive Schlange und einer Frucht.

Vermutlich ein Granatapfel, wenn man die Ursprungsregion des Mythos bedenkt. Er ist ein uraltes Göttinnen- und Fruchtbarkeitssymbol, rot wie das Leben und die vielen, kleinen Kerne in der runden Form sprechen für sich.

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Aber das ist noch nicht alles. Die beiden ersten Menschen stehen neben dem Baum, fast wie Ask und Embla in der germanischen Mythologie. Die ersten Menschen-Paare haben in vielen Mythen etwas mit Bäumen zu tun und auch die kleinen Seelchen (Kinder) kommen von Bäumen. Sind sie sich ähnlich, sind sie „aus demselben Holz geschnitzt“- bis heute verwenden wir diesen Ausdruck, auch wenn wir seinen Ursprung oft nicht mehr kennen.

Das erinnert auch an die slawischen Stickereien, in denen Vögel im oder am Baum sitzen, ein uraltes Symbol für die Seelen im Lebensbaum, die darauf warten, wieder geboren zu werden. Oft sogar mit Göttin inklusive, hier ist ein schönes Beispiel dafür, natürlich in rot gestickt, der Farbe des Lebens.

Die ganze Paradies-Szene wirkt surreal, jedenfalls sobald der Gott JHWH (heute als „Gott“ bekannt, trotzdem ein Gott unter vielen und das auch in der Bibel, wie man zum Beispiel hier nachlesen kann), in Erscheinung tritt.

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Vorher sind es zwei Menschen, die am Lebensbaum stehen und von der weiblichen Schlange(ngöttin des Lebens) eine Fruchtbarkeits-Frucht bekommen. Vielleicht um kleine Seelen aus dem Lebensbaum ins echte Leben zu bringen?

Gut möglich, dass ursprünglich alles ganz anders gemeint war. Die ganze Sache mit dem Baum spielt jedenfalls in der spirituellen Welt (dem sprichwörtlichen Paradies) und die beiden sind Ur-Ahnen. So etwas findet man auch anderswo auf der Welt. Eigentlich überall auf der Welt, um genau zu sein.

Stellt sich nur noch die Frage, warum Erkenntnis eigentlich schlecht sein soll und bestraft werden muss? Dazu wird wohl jeder seine eigene Antwort finden.

Trotzdem ist es möglich, dass ein Gott im Ursprungsmythos eine Rolle gespielt hat, nur vielleicht eine ganz andere. Vielleicht war es ursprünglich ausgewogen zwischen der Schlangengöttin und dem Gott „da oben“ im Baum. Vielleicht war er – symbolisch gesprochen – einmal ein Adler und die Situation im Gleichgewicht?

Wie so oft gilt: Die Götter der vorhergehenden Religion werden zu den Dämonen der darauf folgenden gemacht. Es lohnt sich genau da hinzuschauen, wo man im ersten Moment denkt, alles zu kennen. Und Erkenntnisse zu gewinnen, denn Unwissenheit ist sicher kein Paradies.

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