Selbstverwirklichung

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Letztens kam ich mit einem guten Freund auf das Thema Selbstverwirklichung.

Das arme Wort muss für ganz schön viel herhalten. Einerseits wird es oft als unterschwellige Egoismus-Unterstellung gebraucht. Der/die will sich jetzt selbst verwirklichen! – dieser Satz fällt selten ohne abfälligen Unterton.

Und andererseits zum inneren Aufputschen: Hopp, hopp, bloß nicht nachlassen, verwirklichen, verwirklichen!

 

Dabei ist alles viel einfacher und sehr alt. Das Wort ist freundlich und kein bißchen egoistisch, wenn man es spirituell betrachtet. Selbst-Verwirklichung. Man macht also wirklich, wer man ohnehin schon ist. Man bringt es in die Welt, setzt es um. Das ist weit weg von Profilneurosen und Selfie-Mentalität.

Sich selbst zu verwirklichen ist oftmals harte Arbeit. Nichts könnte weiter weg sein von: Ich mache, was mir gerade durch den Kopf schießt. Man muss auf die Welt bringen, wofür man gemacht ist. Das hat viel mit der inneren Berufung zu tun.

Wir sind ja keine Zufälle. Das Leben hat uns gewollt, sonst wären wir nicht hier. Jeder wird mit Gaben ausgestattet, die er einbringen soll. Es geht um ein Geflecht, das Geflecht des Lebens, in dem jeder von uns ein Farbtupfen ist. Die Natur hat dafür gesorgt, dass die Rechnung aufgeht. Von jeder Farbe ist jemand da.

Natürlich haben wir es schwerer als in alten Kulturen, wo manchmal bis heute orakelt wird, welche Gaben ein Baby wohl in die Gemeinschaft bringt und was seine Bestimmung ist. So ähnlich gab es das bei uns früher auch, wenn auch sehr rudimentär oder von Aberglauben zerfurcht, weil das ursprüngliche Wissen verloren ging. Heute kommt bei uns am ehesten noch das Geburtshoroskop heran.

 

Sich selbst zu verwirkliche bedeutet in die Gemeinschaft einzubringen, was einem »von oben« mitgegeben wurde. Die Sachen, die man richtig gut kann. Und das ist nicht immer ein Fest. Manchmal ist es mehr ein sprichwörtliches Päckchen zu tragen, als ein Geschenk. Aber wenn man wirklich auf seinem Pfad ist, werden sich die Türen öffnen.

Das ist wie mit dem »wahren Willen« in der klassischen Magie. Der Begriff ist auch oft mißverstanden worden, weil er gerade nicht bedeutet: Ich will, ich will! Auch da trifft man wieder auf das alte Wissen, dass man gewissermaßen wollen soll. Dass man einen Auftrag hat (an dem man sich durchaus auch mal reibt). Eben dass wir Menschen keine Zufälle sind. Es gibt Arbeit zu tun!

Wir haben Aufgaben und müssen herausfinden, was wir tun w/sollen. Dann verschwindet auch – trotz allen möglichen Herausforderungen – die graue Wolke der Depression, die so viele klamm umhüllt.

Übrigens – das muss man heute immer dazu sagen – ist Selbstverwirklichung nicht auf den Beruf beschränkt. Damit überforden sich viele, das sehe ich auch oft beim Kartenlegen. Es ist völlig in Ordnung einen Brotberuf zu haben und in der freien Zeit auf die Welt zu bringen, wer man ist. Ältere Leute sind da oft gelassener: Ja, das ist mein Job, aber in meiner Freizeit… und dann leuchten die Augen! Das ist auch ein Weg.

 

 

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6 Gedanken zu „Selbstverwirklichung

  1. Leider leidet man viel zu sehr an / unter den Fehlinterpretationen dieses Wortes. Durch sich selbst und durch andere.
    Vielen Dank für Deine Worte!!

  2. Ein wirklich aufbauender schöner Artikel. Wenn ich von meinen Erfahrungen ausgehe, denke ich, dass Selbstverwirklichung in unserer Kultur viel mit unnötigen Schmerz (blind mit dem Kopf gegen Wände laufen) zu tun hat. Auf der anderen Seite haben wir in unserer Kultur die Möglichkeit im Laufe unseres Lebens immer mehr sehen zu lernen / zu erkennen und die Freiheit die Verwirklichung (vll. in der Freizeit) zu leben 🙂

  3. Wir haben auch kaum Orientierung, es ist fast unmöglich, sich bei der Suche nicht die ein oder andere Beule zu holen. Immerhin lernt man dazu und oft bringen einen sogar Umwege gut voran. Man ist ja auch neugierig, was es so alles gibt.

    Was viele überfordert ist die „Heute kannst du alles werden“-Mentalität. Realistischer wäre: jeder hat seine Begabungen und auch ein paar Sachen, die wirklich lieber andere übernehmen sollten. Ich möchte nicht wissen, was passieren würde, wenn ich physikalische Berechnungen für einen Brückenbau machen sollte. Die Leute würden freiwillig ein Boot über den Fluss nehmen (ich auch ^^).

    Auf der anderen Seite wird Selbstverwirklichung völlig überhöht. So als wäre man stets auf Wolke sieben, ein immerwährender Flow. Deshalb hüpfen viele von einem zum nächsten, obwohl sie das Richtige schon hatten. Es war nur irgendwie so mühevoll, dann kann es doch nicht das Richtige sein.

    Wie gesagt, Selbstverwirklichung ist nicht Wellness. Mal ist es toll, mal rauft man sich die Haare, aber zum Schluss weiß man: es ist richtig so. Man „spielt“ nichts. Man ist, was man wirklich ist. Der Statiker macht die Brücke, ich lege Karten – und die Welt ist ein sichererer Ort! 😀

  4. Liebe Claire, das ist mal wieder ein wunderbarer Artikel von dir!
    Und wie passend er mal wieder kommt.

    Denn irgendwie hatte sich bei mir im Kopf breitgemacht, dass Selbstverwirklichung mit „etwas tolles, besonderes machen“ und „sich interessant machen“ zu tun hat. Wie falsch ich doch liege/lag. Das wird wird mir jetzt gerade erst bewusst. Da schaut man auf seine freunde und Bekannten, die Auslandsjahre absolviert haben und verschiedene Studiengänge und mehrere Berufe versucht haben und und und. Ich komme mir so klein vor, nur weil ich nach der Schule eine Ausbildung machte und immer noch in diesem Job arbeite (und das mit wenigen Arbeitgeberwechseln).
    Dabei habe ich meinen Traumberuf gelernt und habe mir ein schönes Privatleben aufgebaut, was mir sogar noch Zeit für Hobbys lässt.
    Also stehe ich doch ganz gut mit der Selbstverwirklichung und so langweilig ist mein Leben auch nicht.
    Vielen Dank, für deinen Artikel! Der hat mir wirklich eine Stück weitergeholfen.

    LG Catha

  5. @ Catha: Du sagst es! Ich lerne genügend Leute kennen, die beruflich Lebensläufe erster Klasse haben. Das sagt gar nichts über das Glück eines Menschen aus. Manche sind glücklich, andere kreuzunglücklich. Das hängt nur daran, ob man das tut, wofür man sprichwörtlich „gemacht ist“.

    Martin Luther King hat mal etwas wunderbares dazu gesagt:

    „Welcher Arbeit Sie auch in Ihrem Leben nachgehen, machen Sie sie gut. Wenn Ihre Aufgabe darin besteht, die Straßen zu fegen, dann fegen Sie, wie Michelangelo malte, wie Shakespeare Gedichte schrieb und wie Beethoven komponierte.

    Fegen Sie die Straßen so, dass alle die himmlischen und auch die irdischen Heerscharen innehalten und sagen: Er lebte als ein großer Straßenfeger und er hat seine Arbeit gut gemacht.“

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